Die Lust am Gruseln

Wie ist das mit Halloween, mit Gruselgeschichten und den Ängsten von Kindern?

Halloween spaltet jedes Jahr die Erzieher: Die einen wollen diesen aus den USA importierten Blödsinn mit heidnischen Wurzeln auf keinen Fall dulden, die anderen sehen darin einen wundervollen Spaß für Kinder, der gleichzeitig noch Ängste nehmen kann.

Wie ist das nun mit der Angst?

Das kennt jeder von uns: Vor den unterschiedlichsten Dingen fürchten wir uns. Das können ganz reale Ängste sein (Verlust, Gesundheit, Finanzen) und jeder hat auch ein paar höchst unlogische Ängste. Ich zum Beispiel habe Höhenangst – aber nicht immer: Im Flugzeug schaue ich gerne aus dem Fenster, in der Seilbahn oder auf der Hängebrücke krieg ich schon das Grausen, wenn sie ein paar Meter über dem Boden schweben. Das ist nicht logisch begründbar. So sind Gefühle halt: Unlogisch. Und Angst ist etwas, das sich der Logik entzieht. Gerade auch bei Kindern. Ohne mit der Wimper zu zucken können sie sich über geschminkte Gruselfratzen amüsieren, während der nächtliche Gang aufs WC im unbeleuchteten Flur sie höllisch in Angst versetzt.

Angst muss ernst genommen werden

Der Mensch hat gelernt, dass man vor vielen Dingen in der realen Welt Angst haben muss. In unserer Entwicklung haben wir uns eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßnahmen angewöhnt, die uns bei der Bewältigung von schwierigen Situationen helfen: Adrenalin, damit höherer Puls und körperliche Bereitschaft, der Gefahr zu begegnen. Das ist sinnvoll und durchaus hilfreich, wenn die Gefahr real ist. Problematisch wird es, wenn die Gefahr eben nicht real existiert und unser Körper trotzdem das Schutzprogramm laufen lässt. Dann entsteht Stress.

Gerade Kinder können sich viele Phänomene in ihrer Umwelt nicht erklären und reagieren darauf mit Angst. Sie unterscheiden praktisch gar nicht zwischen realen Bedrohungen und fiktiven. Da ist die böse Meerhexe in Arielle mindestens so bedrohlich und angsteinflößend wie das Skelett auf der Geisterbahn. Und Eltern sollten über solche irrealen Ängste nicht lachen – sondern trösten, ernst nehmen und in angemessenem Ton die Tatsachen klären. Nur so können Kinder lernen, mit ihren Ängsten umzugehen und sie auch zu überwinden.

Mit Angst sollten Kinder nicht alleine gelassen werden!

Die meisten Psychologen sind sich einig: Es hilft sehr, mit Ängsten zu „spielen“, sich also bewusst Ängsten auszusetzen und sich selbst damit unter Kontrolle zu bringen. Ich selbst kann ganz bewusst an die Ballustrade auf dem Jungfraujoch stehen und meine Höhenangst beobachten, lernen damit umzugehen. Für Kinder gilt das nicht. Ihre Reflexionsmöglichkeiten sind, na sagen wir, eingeschränkt. Deshalb sollten wir beim Kinobesuch unbedingt ein wachsames Auge auf die Kleinen haben, ihnen zur Seite stehen, die Situation allenfalls erklären und die Zuversicht stärken, dass alles gut wird. Ultima ratio: Rausgehen und damit die Gewissheit stärken, dass man selbst Einfluss nehmen und sich vor bedrohlichen Situationen retten kann. Meistens jedenfalls.

Sind Gruselgeschichten sinnvoll?

Das ist ein schmaler Grat. Auf der einen Seite ist Lesen sicher ein Vorgang, der sehr gut von Kindern gesteuert werden kann (keine Blamiersituation wie im Kino, das man verlässt) – auf der anderen Seite ist gerade die eigene Phantasie sicher ein nicht zu unterschätzender Verstärker, der mehr Ängste auslösen kann, als die Geschichte intendiert hatte. Es kommt also sehr darauf an, dass gewisse Spielregeln eingehalten werden. Die wichtigste: Happy End. Die Gewissheit, dass „alles gut“ wird, darf nicht erschüttert werden – Kinder lernen noch früh genug, dass die Realität dieses Versprechen nicht immer einhalten wird.

Gruselgeschichten können also durchaus helfen, mit den eigenen Ängsten zurecht zu kommen, bergen aber immer die Gefahr, sich in diesen Ängsten zu verlieren. Für Kinder gilt auch hier: Sie sollten nicht alleine gelassen, sondern mit ihren Problemen ernst genommen werden.

Halloween und Gruselclowns

Wer bisher dachte, das sei doch kein wichtiges Thema und jeder könne selbst damit umgehen, der wurde in den letzten Tagen eines Besseren belehrt. Die sogenannten „Gruselclowns“ haben Schlagzeilen gemacht und wieder einmal gezeigt, dass nicht alles gut und hilfreich ist, was aus anderen Kulturkreisen zu uns herüberschwappt. Ich persönlich bin der Meinung, man sollte natürlich immer offen sein für andere Bräuche und Kulturen – aber man muss nicht alles übernehmen, was auf dem Markt der Unterhaltung angeboten wird. Rübengeister basteln und damit die nächtlichen Gassen wie beim Martinsumzug zu erhellen, das hat man in meiner Kindheit schon gerne gemacht. Da gab es aber kein „trick or treat“ und kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, den Rübengeistern Süßigkeiten zu spendieren. Jedenfalls nicht mit dem heute eingekehrten Automatismus. Verkleidungen gehören für mich eher zu Fasnet, Fasching oder Karneval.

Ist das zu konservativ betrachtet? Was meinen Sie? Gehört Gruseln dazu? Bei Kindern? Klar – die Halloween-Hysterie ist längst nicht mehr zu stoppen. Aber wie ist es mit dem Gruseln sonst? Bei Kindern? Wir sind gespannt auf Ihr Feedback.

 

2 Gedanken zu “Die Lust am Gruseln

  1. Dieses ist ein extrem komplexes Thema, nur enge Vertraute der kleineren Kinder können womöglich abschätzen, wie viel „Gruseln“ individuell verträglich ist…ich für meinen Teil hatte als kleines Kind schon Angst vor den Weihnachtsmännern in der Adventszeit, und es half natürlich nicht der Kommentar der Erwachsenen,“na daß ist doch der Mann, der die Geschenke bringt“, erst im Erwachsenenalter konnte ich damit umgehen, aber in der Form, daß man sich als kleines Kind eben nicht auf den Schoß von fremden(,verkleideten)Männern setzt, nur weil es die Erwachsenen ok fanden… aber „NEIN,DAS WILL ICH NICHT“sagen traut man sich als Kind eben nicht immer…wo ist also die Grenze, wie weit ist gruseln wichtig? Die deutschen Märchen geben da viel Stoff her, auf jeden Fallk:“in Watte packen“ ist auch nicht richtig(und ich war ein ängstliches Kind),die Dosierung ist sehr individuell,aber wichtig, nur die Eltern o.a.vertraute können da ein „Auge darauf haben“, und sollten es auch!

    • Herzlichen Dank für den einfühlsamen Kommentar. Das ist ein schwieriges Thema, ja. Ich selbst hasse es, mich Gruseln auszusetzen. Wenn im Fernsehen die Warnung kommt, die nachfolgende Sendung sei über 16, dann gehe ich lieber ins Bett – auch wenn ich schon knapp über dem Alter bin 😉

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